Doktor Irène Y. Kilubi, Marketing-Expertin, Influencerin, Unternehmensberaterin

„Die Chancen, die ich in einer Freiberuflichkeit sah, waren größer als meine Ängste“

Nach vielen Jahren als Angestellte entschloss sich Doktor Irène Kilubi dazu, etwas komplett Neues zu wagen. Mit Erfolg: Als freiberufliche Unternehmensberaterin entwickelt sie Marketing-Strategien für Unternehmen. Aber das ist bei weitem nicht alles. Die Social-Media-Influencerin fördert die Kommunikation zwischen den Generationen X, Y und Z, ist Mitgründerin eines EduTech-Startups und arbeitet für die Europäische Union. Im Interview spricht sie über ihren langen Weg in die Selbstständigkeit, warum es ihr wichtig ist, einen Beruf auszuüben, in dem sie gut ist und für den sie Leidenschaft empfindet, und welchen gesellschaftlichen Mehrwert Freelancer*innen erbringen.

Hallo Irène, du entwickelst Corporate Influencer-Programme. Was können wir uns darunter vorstellen?

Corporate Influencer*innen sind Angestellte, die für Unternehmen als Marken- und Werbebotschafter*innen arbeiten. In der Regel werden sie dafür nicht monetär honoriert, das heißt, sie erhalten weder eine Gage noch ein Honorar für ihre Arbeit – vielmehr stellen sie Produkte aus eigener Motivation heraus vor. Das hat den Vorteil, dass sie das Produkt bereits kennen, einen intrinsisch motivierten Zugang dazu haben und es aus einem der Zielgruppe sehr nahen Blickwinkel heraus beurteilen können. Auf diese Weise ermöglicht dieser Kanal eine sehr authentische und konsumentennahe Platzierung der Produkte. Das liegt auch daran, dass es sich bei diesen Mitarbeiter*innen häufig nicht um Profis aus der Marketingbranche handelt und nicht jeder Kanal auf das zu vermarktende Produkt abgestimmt ist. Meine Aufgabe besteht darin, Konzepte zu entwickeln, die Unternehmen, Produkt und Botschafter*innen in eine stimmige Marketingstrategie einbinden.

Du warst viele Jahre angestellt, jetzt arbeitest du als Freelancerin. Wie kam es zu diesem Entschluss?

Da muss ich ein bisschen ausholen. Nach dem Abitur war ich mir unsicher, welchen Beruf ich ergreifen sollte. Mir wurde oft gesagt, ich solle in einen kreativen Bereich wie Modedesign, Marketing oder Verkauf, gehen, weil ich so ein kontaktfreudiger und offener Mensch sei – es sei einfach genau mein Ding.

Aber es machte mich überhaupt nicht glücklich, das ständig zu hören. Warum nicht? Ich hatte keine Lust darauf, in eine Schublade gesteckt zu werden und die Klischees anderer zu erfüllen. Damals war ich der Ansicht, Kreativität sei nichts Besonderes – jeder könne kreativ sein, wenn er will. Mehr noch: Ich war mir sicher, dass ich mehr zu bieten habe. Schließlich war ich gut in Mathematik und sehr interessiert an Technik. Ich war übrigens in den frühen 90er Jahren, als Videospiele populär wurden, eines der ersten Gamer-Girls – und süchtig nach SNES und Gameboy.

Ich entschloss mich schließlich, Wirtschaftsingenieurwesen zu studieren und wählte Marketing als eines meiner Hauptfächer. Kurz vor dem Abschluss meines Studiums kam dann eines Tages meine Marketing-Professorin auf mich zu und sagte: „Sie sollten wirklich in diesem Bereich gehen.“ Ich habe ja schon beschrieben, was ich von solchen Empfehlungen hielt.

Was habe ich also getan? Ich begann eine Karriere im technischen Bereich. Ich arbeitete in der Automobilbranche, der Anlagen- und Maschinenbauindustrie und später in der Unternehmensberatung. Ich war gut in meinem Job, aber nicht wirklich zufrieden. Irgendetwas fehlte noch – ich fühlte mich einfach nicht erfüllt. Zu dieser Zeit begann ich damit, mich mit Persönlichkeitsentwicklung zu beschäftigen und fragte mich, was ich wirklich machen wollte.

Jetzt dürft ihr raten, zu welchem Entschluss ich kam? Genau! Ich dachte mir: „Ich sollte wohl etwas mit Marketing machen.“ Diese Entscheidung fiel genau in die Zeit, in der ich mich dazu entschloss, mich regelmäßig mit sozialen Medien zu beschäftigen und mein Wissen und meine Erfahrung über die Erstellung von Inhalten – Content – weiterzugeben.

Natürlich hatte ich Angst vor dem Schritt – vor allem davor, meinen Wechsel von dem Bereich Innovation und Technologie ins Marketing sichtbar zu machen. Ich habe das sogar in einem Beitrag in den sozialen Medien thematisiert. Dahinter steckte der Wunsch, andere zu motivieren, ihre limitierenden Glaubenssätze zu überwinden – wie die Angst davor, was andere von einem denken könnten.

Als Freelancerin habe ich bisher folgende Lektionen gelernt: Tu etwas, das du wirklich liebst, für das du dich leidenschaftlich begeistern kannst und in dem du vor allem auch gut bist. Und nicht das, was dir andere sagen oder worin du dich beweisen zu müssen glaubst. Dein Leben wird nie dir selbst gehören, wenn Du dich ständig darum sorgst, was andere Menschen von dir denken könnten. Letztendlich waren die Chancen, die ich in einer Freiberuflichkeit sah, größer als meine Ängste.

Stichwort Selbstverwirklichung: Ist es dir wichtig, deinen Beruf mit Leidenschaft auszuüben?

Ja, für mich war es essenziell, eine Beruf zu finden, in dem beides im Einklang ist: Stärken und Leidenschaft. Viele Menschen machen leider den Fehler, dass sie entweder nach einem Job suchen, in dem sie ihre Stärken ausleben können, oder nach einem, bei dem sie ihrer Leidenschaft nachgehen. Meiner Meinung nach müssen beide Aspekte berücksichtigt und miteinander in Einklang gebracht werden. Nur dann kann ich mich wirklich vollends entfalten. Deshalb habe ich die sogenannte SOUL-Analyse entwickelt. Das Akronym steht für:

S – Stärken
O – Offerten
U – Unterstützung
L – Leidenschaften

Die Analyse bildet das Fundament, um festzustellen, wofür ich als Person stehe, wo ich Mehrwert stifte und wie ich überhaupt wahrgenommen werden möchte.

Liegt dein Fokus auf Deutschland, oder arbeitest du auch international?

Ich arbeite auch international. Der Großteil meiner Kund*innen kommt allerdings aus dem deutschsprachigen Raum.

Siehst du das Potential, ein eigenes Unternehmen zu gründen? Hast du diese Ambitionen?

Ja, absolut! Dadurch, dass ich viel im Startup-Umfeld arbeite, kommt irgendwann zwangsläufig die Gründerlust auf. Ich arbeite an einer eigenen Idee und bin Teil eines EduTech-Startups, mit dem wir im Frühjahr live gehen.

Welche Eigenschaften brauchen Freelancer*innen beziehungsweise Unternehmer*innen?

Wenn jemand den Schritt in die Selbstständigkeit wagen will, halte ich die folgenden Eigenschaften für unentbehrlich:

• Durchhaltevermögen
• Mut und Risikofreude
• Flexibilität
• Kreativität
• Eigenverantwortung
• Selbstbewusstsein

Freelancer*innen sind ein integraler Teil der heutigen Arbeitswelt. Wer als Freiberufler*in eigenverantwortlich arbeitet, zeichnet sich durch Flexibilität, Risikofreude und Kreativität aus – mehr als viele festangestellte Arbeitnehmer. Angestellte haben in der Regel umgehend die Möglichkeit, mit dem Geld verdienen zu beginnen. Selbstständige, Freiberufler*innen oder Freelancer*innen müssen zu Beginn erst einmal ein stimmiges Konzept erarbeiten. Sie sollten ihr Angebot beziehungsweise ihre Dienstleistungen klar beschreiben und berücksichtigen, ob eine Akquise notwendig ist, um Kunden zu gewinnen. Darüber hinaus erfordert es Mut und Selbstbewusstsein, potenzielle Interessenten direkt anzusprechen. Als Freelancer*in ist es wichtig, Entscheidungen zu treffen, dabei aber stets ein Bewusstsein für die Risiken zu haben. Ein Risiko besteht zum Beispiel darin, dass die Auftragslage und damit das Einkommen nicht einfach zu kalkulieren ist. Die Lebenshaltungskosten und alles, was an Aufwand dazu gehört, muss zunächst erwirtschaftet werden. Erst im Anschluss daran zahlen sich Freelancer*innen ein Gehalt aus.

Leisten Freelancer*innen einen positiven Beitrag? Sind sie in der Lage, gesellschaftliche Entwicklungen anzustoßen?

Freiberufler*innen und Freelancer*innen leisten meiner Meinung nach einen signifikanten Beitrag für die Gesellschaft. Anstelle anonymer Großunternehmen oder gesichtsloser Institutionen treffen Kund*innen auf persönliche Ansprechpartner*innen. In vielen Fällen können individuelle Vereinbarungen zu moderaten Preisen getroffen werden. Freelancer*innen können ihr Know-how gezielt dort zur Verfügung stellen, wo und wann es gebraucht wird. Gerade das Internet ermöglicht es, mit geringem Aufwand auch grenzübergreifend für Auftraggeber*innen zu arbeiten. Aufgrund dieser strukturellen Flexibilität ist ein individuellerer Ansatz für Kund*innen umsetzbar. Bei größeren Unternehmen sind in der Regel mehrere Entscheidungsträger*innen beteiligt, und eine Vielzahl von Regeln sind zu beachten. Beispielsweise bietet es Vorteile, Freelanceer*innen online als Dienstleister*innen zu beauftragen. Die kürzeren Anfahrtswege sparen Zeit und schonen materielle Ressourcen. Verträge und Vereinbarungen können online und digital getroffen werden. Individuelle Absprachen sind hier nicht die kulante Ausnahme, sondern die Regel. Demnach können Freelancer*innen gerade im Bereich Remote Work und Home Office und den dazu gehörigen digitalen Strukturen positive Entwicklungsprozesse anstoßen.

Welche weitere Hilfestellung könnte der Staat Freiberufler*innen geben?

Freelancer*innen wünschen sich von der Politik geringere Bürokratie und mehr Rechtssicherheit. So wären einfachere steuerliche Regeln wünschenswert. Freiberufler*innen haben in der Steuererklärung und gegenüber dem Finanzamt vieles mehr zu beachten als Arbeitnehmer*innen. Die Regeln zur Scheinselbstständigkeit sind kompliziert, und als Freiberufler*in besteht oftmals eine Unsicherheit der Einnahmesituation nach Auftragslage. Hinzu kommt, dass Freelancer*innen mit ihrer Arbeit in Vorleistung gehen, ehe sie ihre Vergütung erhalten. Seit Beginn der Corona-Pandemie ist das größte Problem für viele Freiberufler*innen, dass sie deutlich weniger Aufträge haben. Während Steuerberater*innen insgesamt weniger in Mitleidenschaft gezogen werden, ist die Lage bei Freelancer*innen im Event- und Kulturbereich existenzbedrohend.

Wie definierst du Community? Was bedeutet Community-Building und warum wird das gebraucht?

Eine Community ist eine Gemeinschaft, eine mehr oder weniger eng verflochtene Gruppe von Menschen, die ein gemeinsames Ziel verfolgen, gemeinsame Interessen pflegen, sich gemeinsamen Wertvorstellungen verpflichten. Dabei gibt es verschiedene Typen, zum Beispiel Kund*innen-Communities und Marken-Communities. Community-Building bedeutet das Einrichten der Strategie und der Rahmenbedingungen zur Etablierung einer starken Gemeinschaft von Verbündeten.

Im Geschäftsleben werden auf diese Weise nachhaltige Kontakte geschaffen und die Kundenbindung gestärkt – digital, aber auch analog. Wer als Unternehmen, Verein oder Non-Profit-Organisation eine Community aufbaut und pflegt, sichert sich wertvolle Beziehungen, eine aktive Meinungsplattform und letztendlich auch Kund*innen beziehungsweise Umsätze – jetzt und vor allem in der Zukunft. Warum? Schon in den letzten Jahren bildete sich deutlich der Trend heraus, dass von Communities eine immer größere Macht und Dynamik ausgeht. Dabei spielt es keine Rolle, ob die virtuelle Gemeinschaft für eine Marke, eine politische Idee oder für einen Bundesliga-Klub schwärmt.

Jede Community braucht ihr Thema, ihren Markenkern und als zentralen Aspekt die Schaffung eines Gemeinschaftsgefühls. Wie das geht, zeigen uns Firmen wie Apple mit dem iPhone-Kult. Doch Communities können auch die Politik verändern, Gesetze verhindern oder die Umwelt schützen. Denn: Wenn eine Community groß genug ist, kann daraus eine politische oder gesellschaftliche Bewegung werden.

Warum es so wichtig ist, ein Community-Management zu etablieren? Ganz einfach: Wer das Vertrauen von Menschen gewonnen hat, tut sich leichter mit Kontakten und Geschäften. Das gilt für alle Branchen und Lebensfelder: Egal, ob es um eine Berufskarriere geht, ein Gründerunternehmen, ein Schulprojekt oder eine Initiative im Stadtteil oder Kiez. Gerade jetzt ist es wichtig, die Zukunft aktiv anzugehen und einen Dialog mit potenziellen Käufern, Kunden oder Mitdenkern zu starten.

Dein ausdrückliches Ziel ist es, verschiedene Generationen zu verbinden. Warum das? Was motiviert dich.

Gender Diversity ist ein populäres Thema und täglicher Teil von öffentlichen Debatten. Altersdiversität stellt allerdings einen ebenso integralen Bestandteil von Diversity dar. Der demografische Wandel stellt uns jetzt und in Zukunft vor große gesellschaftliche und wirtschaftliche Herausforderungen. Konflikte zwischen den Generationen gab es schon immer. Aber durch die wachsenden technologischen Anforderungen werden ältere Generationen immer häufiger abgehängt. Digitalisierung hat das Potential, die Kommunikation zwischen unterschiedlichen Generationen zu fördern, anstatt sie zu behindern. Entscheidungen über die Zukunft können meiner Meinung nach nur gemeinschaftlich getroffen werden, da jeder – ob jung oder alt – ein bedeutender Teil des Systems und dieser Zukunft ist.

Mit vereinten Kräften könnten alle Generationen gestärkt in die Zukunft gehen. Es sind nur Kommunikation und und gemeinschaftlich getroffene Entscheidungen nötig, um das zu erreichen. Das nötige Potential ist bereits da, es muss nur an die Oberfläche gebracht werden – und genau das ist unsere Mission.

Gemeinsam mit verschiedenen Kooperationspartnern habe ich die Initiative „GenZ meets GenYX“ ins Leben gerufen. Wir haben das Ziel, ein Generationen-übergreifendes Ökosystem zu schaffen. Sämtliche wirtschaftlichen und soziopolitischen Themen müssen von den verschiedenen Generationen diskutiert und gelöst werden – denn hier kann und muss jede Altersgruppe etwas beitragen. Wir sehen es als unsere Aufgabe an, das Fundament für diese bedeutsame Initiative zu legen.

Dabei tragen wir zwei Punkte unserer Agenda in die Welt. Unsere Vision: Eine Welt in der sämtliche Generationen die Zukunft gemeinsam gestalten; und unsere Mission: Wir bauen Brücken und bringen Generationen interaktiv zusammen.

Du sprichst von den Generationen XYZ. Kannst du die drei Gruppen kurz beschreiben? Was sind ihre Merkmale – und worin unterscheiden sie sich eigentlich?

Die übliche grobe Einteilung der Generationen sieht wie folgt aus:

• Traditionals: geboren zwischen 1922 und 1955
• Babyboomer: 1956 und 1965
• Generation X: 1966 bis 1980
• Generation Y: 1981 bis 1995
• Generation Z: ab 1995.

Alle drei Generationen seit Mitte der 60er unterscheiden sich stark in Hinblick auf die Art, wie sie Arbeit als solcher gegenüberstehen. Während die Generation X vor allem Karriere im Sinn hat und sich stetig nach Aufstiegsmöglichkeiten umsieht, ist es den Ypsiloner*innen wichtiger, Freude an der Arbeit zu haben und sich auf diesem Weg selbst zu verwirklichen. Der Generation Z dagegen ist vor allem an einer starken Trennung zwischen Arbeit und Privatleben gelegen. Sie halten also prinzipiell wenig von Home Office oder regelmäßigen Überstunden.

So unterschiedlich wie ihre Sicht auf das Arbeitsleben ist, so sehr unterscheiden sich die Generationen X bis Z auch in ihrer Motivation zur Arbeit. Wer zur Generation X gehört, lässt sich meist durch Aussicht auf freie Arbeitsgestaltung, durch berufliche Entwicklungsmöglichkeiten und ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Arbeit und Privatleben (Work-Life-Balance) motivieren. Die Ypsiloner*innen dagegen orientieren sich an Selbstverwirklichung, flachen Hierarchien sowie der Vernetzung mit anderen Arbeitnehmer*innen und -geber*innen. Bei der Z-Generation schließlich lässt sich ein starker Wille zur freien Entfaltung feststellen. Das schließt auch potentielle Möglichkeiten mit ein, sich auszuprobieren und gegebenenfalls den Kurs zu ändern.

Du bist auch für dir EU tätig – was genau machst du da, und zieht es dich auch selbst in die Politik?

Ich bin „Expert Advisor“ beim „European Innovation Council Accelerator“ der EU-Kommission. In dieser Funktion beurteile ich Anträge von Startups, KMUs, Universitäten und Forschungseinrichtungen, die EU-Fördergelder für das Programm „Horizon 2020“ beantragen.

Und ja, es zieht mich tatsächlich in die Politik, um im Bereich Startups, Entrepreneurship und Diversity die aktuellen Rahmenbedingungen zu verbessern. Gerade die bereits erwähnte Initiative „GenZ meets GenYX“, die ich derzeit mit einem Expertenteam von über 30 Personen aufbaue, ist sehr stark politisch ausgerichtet. In diesem Bereich gibt es noch viele Potenziale auszuschöpfen.

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