Fabian Bernhard, Associate Professor für Familienunternehmen an der EDHEC Business School in Paris

„In den USA sind die Unternehmer die Superstars“

Professor Doktor Fabian Bernhard ist Professor für Management und Wirtschaftspsychologie. Er lebt seit zehn Jahren vornehmlich in Paris, wo er an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der EDHEC Business School unterrichtet. In Deutschland arbeitet er mit dem Institut für Mittelstandsforschung an der Universität Mannheim sowie aktuell auch mit der psychologischen Fakultät der Goethe Universität Frankfurt zusammen. Im Interview erklärt Fabian, warum ihn Familienunternehmen faszinieren, was er unter Entrepreneurial Spirit versteht und warum Deutschland eine Kultur des Scheiterns braucht.

Hallo Fabian, kannst du deinen Wirkungsbereich beschreiben und welche Berührungspunkte du mit den Themen Freiberuflichkeit und Unternehmertum hast.

Im Rahmen meiner Professur für Management beschäftige ich mich intensiv mit Unternehmertum. Mein spezieller Fokus sind dabei Familienunternehmen. Mich interessiert vor allem die Verflechtung von Familie und Unternehmen, die in den meisten Fällen stärker ist als erwartet. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Zum einen ist die Familie die mit Abstand wichtigste Finanzierungsquelle der allermeisten Gründungen – oder zumindest der enge Familienkreis. Zum anderen gibt es eine starke Verbindung zwischen der Familie und dem Faktor Personal: So bekleiden Familienmitglieder nicht selten zu Beginn der Gründung die ersten Mitarbeiterpositionen und helfen bei der Rekrutierung weiterer Mitarbeiter mit.
Hinzu kommt, dass die Selbstständigkeit häufig längere Arbeitszeiten, größere Flexibilität oder andere Opfer erfordert, wofür es seitens der Familie Verständnis geben muss.

Du lebst und unterrichtest seit einigen Jahren in Frankreich. Welche Unterschiede erkennst du im Hinblick auf die Bedeutung des Mittelstandes?

In Deutschland wird traditionell ein positives Bild vom Mittelstand und von Familienunternehmen gezeichnet. Politik und Wirtschaftsverbände werden nicht müde, die Wichtigkeit des Mittelstands als „Rückgrat der deutschen Wirtschaft“ zu unterstreichen. In Frankreich wird manchmal etwas neidvoll auf die starke Wirtschaftskraft Deutschlands geschaut, die dank vieler mittelständischer Betriebe auch in strukturschwächeren Regionen wirkt. In der französischen Wirtschaft fehlt dieser Mittelbau zum Teil. So gibt es einige sehr große Unternehmen, die vom Staat protegiert und hofiert werden, und eine große Anzahl von Kleinstbetrieben und Selbständigen. Der typische Mittelstand, also das Zwischenglied zwischen Kleinstbetrieb und Großunternehmen, ist jedoch eher schwach ausgeprägt.

Gibt es Unterschiede in der Wirtschaftsstruktur – oder in der Mentalität?

Ja, die gibt es. Paris ist das Zentrum der französischen Wirtschaft, vor allem in Bezug auf Startups und Unternehmensgründungen. Dort befinden sich die meisten Unternehmen, deren Kunden und das für Investitionen benötigte Kapital. In Deutschland ist der Ansatz deutlich dezentraler. Berlin definiert sich zwar gerne als Startup-Heaven, jedoch gibt es ebenfalls in Hamburg, München, Köln und anderen Teilen des Landes äußerst erfolgreiche Gründungen. In Frankreich dagegen MUSS man in Paris sein, um langfristig erfolgreich zu sein.

Bezüglich der Mentalität: Gründen ist hip geworden. Ich habe allerdings das Gefühl, dass dies in Deutschland vor allem Studenten und Absolventen von wirtschaftswissenschaftlichen Studiengängen so sehen. Alumni anderer Fachbereiche bevorzugen häufig immer noch eine Festanstellung. In Frankreich finden auch viele Abgänger von Ingenieur-Hochschulen Gefallen am Entrepreneurial Spirit und an der Selbständigkeit. Deutsche Hochschulen versuchen in den letzten Jahren vermehrt, in diesem Bereich nachzuziehen, zum Beispiel mit Gründungs-Hubs für Naturwissenschaftler.

Du sprichst von Entrepreneurial Spirit. Was verstehst du darunter? Kannst du beschreiben, warum eine sich ständig verändernde Welt dieses Mindset benötigt?

Für mich beschreibt der Entrepreneurial Spirit, oder auch Unternehmergeist, die Leidenschaft, Dinge anders und besser zu machen. Er zeichnet sich durch eine gesunde Portion Optimismus aus – und die Bereitschaft, kalkulierte Risiken einzugehen. Ganz wichtig: Er motiviert zum „Machen“. Für Unternehmen, die langfristig überleben wollen – insbesondere für Familienunternehmen, die sich über Generationen immer wieder neu erfinden müssen, um sich den neuen Gegebenheiten einer sich ständig ändernden Welt anzupassen –, ist ein kontinuierlicher Unternehmer- und Gründergeist unabdingbar. Ohne diese Denkweise werden sie schnell von der Konkurrenz überholt und verschwinden vom Markt.

Kann man diese Art zu denken lernen? Welche Impulse kannst du geben?

Diese Frage wird schon lange kontrovers diskutiert. Natürlich hilft es, aus einer Unternehmer-Familie zu kommen und den Geschäftssinn schon mit der Muttermilch aufzunehmen. Ähnlich wie Lehrerkinder sich statistisch gesehen vermehrt für den Lehrerberuf entscheiden, stammen viele Gründer aus Familien mit unternehmerischer Vergangenheit. Aber aus wissenschaftlicher Sicht gibt es etliche Studienergebnisse, die zeigen, dass Innovation und Unternehmertum auch effektiv im Studium vermittelt werden können. Alle großen Wirtschaftshochschulen und die Top-MBA Institutionen bieten mittlerweile herausragende Entrepreneurship-Programme an. Auch in meiner Forschung und Lehre an der EDHEC in Frankreich beschäftige ich mich und meine Studenten mit den Themen des Unternehmertums.

Was steht bei deinen Studenten höher im Kurs: Eine Karriere bei einem großen Konzern oder der Aufbau eines eigenen Unternehmens?

Hier in Paris sehe ich eine wachsende Community von Freelancern. Einige meiner Studenten sind bereits während des Studiums selbständig aktiv tätig – von Python-Programmierern bis zur studentischen Unternehmensberatung – oder verfolgen eine berufliche Selbständigkeit nach dem Studium. Insbesondere für die Generation Z scheint dieses Ziel zunehmend erstrebenswert zu sein. Und in Frankreich, speziell in Paris, wird diese Entwicklung durch die Einrichtung von mehr Co-Working Spaces und Startup-Hubs unterstützt. Hinzu kommt die starke Startup-Szene. So befindet sich die Station F, der größte Startup-Campus der Welt, mitten in Paris. Covid-19 und die Erkenntnis, dass auch selbständig recht gut gearbeitet werden kann, verstärken den Trend zur Freiberuflichkeit. Das haben allerdings auch die großen Unternehmen erkannt. Große Beratungshäuser und Konzerne versuchen zunehmend, dem Wunsch der neuen Generation nach mehr selbständiger Entfaltung gerecht zu werden, um die besten Absolventen für sich zu gewinnen. Ob der Trend in Covid-19-Zeiten anhält oder der Wunsch nach Festanstellung bei der zukünftigen Generation von Studenten zurückkehrt, wird die Zukunft zeigen.

Selbstverwirklichung ist eine Sache. Welche weiteren Beweggründe gibt es für eine freiberufliche Tätigkeit?

Berufliche Selbständigkeit verheißt nicht nur Freiheit und Flexibilität, sondern lockt auch durch das scheinbare Versprechen nach größerer finanzieller Unabhängigkeit. Studien zeigen, dass dies tatsächlich für einige Selbständige zutrifft – aber bei weitem nicht für alle. Dies hat in allererster Linie mit der Branche zu tun. Viele unabhängige Unternehmensberater sind glücklicher mit ihrer Work-Life-Balance. Die Selbstständigkeit bietet ihnen die Chance, mehr Geld zu verdienen und mehr Verantwortung zu tragen. Allerdings ist der Weg in die Selbständigkeit nicht immer freiwillig. Gerade Menschen, die auf dem primären Arbeitsmarkt keine Chancen haben (zum Beispiel Immigranten mit begrenzten beruflichen Perspektiven), zieht es häufig notgedrungen in die Selbständigkeit.

Zurück zum unternehmerischen Geist: Erkennst du den zuvor beschriebenen Spirit auch bei Freelancern? Ist Freiberuflichkeit ein notwendiger Zwischenschritt zum Unternehmertum?

Der Wunsch, sich selbständig zu verwirklichen, seine eigenen Ideen auszuprobieren und zu realisieren, Verantwortung zu tragen und seine Arbeit selbst einzuteilen – dies sind alles potentielle Motivationsfaktoren, die bei Unternehmensgründern und auch bei Selbständigen gefunden werden können.

Die USA gelten als ein Land mit ausgeprägtem Unternehmertum. Was können wir uns abgucken?

Naja, den Deutschen ist Unternehmergeist nicht fremd. Es gab und gibt auch hierzulande viele grandiose Unternehmer. Jedoch präsentieren diese ihre Leistungen viel seltener pompös in der Öffentlichkeit. Im angelsächsischen Kulturraum hingegen, und vor allem in den USA, sind die Unternehmer die Superstars. Zur Show gestelltes Unternehmertum und Gründergeist werden sehr geschätzt; jedes Kind kennt bekannte Unternehmerpersönlichkeiten wie Steve Jobs, Elon Musk, Bill Gates oder Jeff Bezos. Sie sind Vorbilder, denen es nachzueifern gilt. Die Folge davon ist, dass Unternehmensgründungen bereits im College beliebt sind.

In Deutschland dagegen sind berühmte Gründer unter Schülern weitaus weniger bekannt und sie haben nicht diesen Rockstar-Status wie in den USA. Traditionell werden finanziell erfolgreiche Unternehmer in der öffentlichen Meinung argwöhnisch beäugt. In den USA wird auf Erfolg weniger mit reflexartigem Neid und öfter mit Bewunderung reagiert. Ich meine jedoch zu erkennen, dass sich in den vergangenen Jahren etwas getan hat. Der Trend zu neuer Selbständigkeit schwappt langsam aus den USA herüber, was nicht zuletzt der Erfolg von Fernsehformaten wie „Die Höhle der Löwen“, in denen Gründer um Finanzierung ihrer Startup-Ideen buhlen, belegt. Gründen wird wieder „cool“ – was wirtschaftlich und politisch gewollt ist. Es besteht allerdings die Gefahr, dass die Corona-Krise, mit Problemen für viele Klein- und Kleinstunternehmer, diesen Trend wieder zunichte macht.

Braucht Deutschland eine Kultur des Scheiterns?

In Deutschland, und auch ganz besonders in Frankreich, wird das Scheitern als Gründer sowie eine Insolvenz als persönliches Scheitern angesehen. Der Unternehmer muss mit dem Stigma des Scheiterns klarkommen und gilt bei Investoren und Banken schnell als „verbrannt“. In den USA wird mit Misserfolgen und Rückschlägen anders umgegangen. Dort wird Scheitern eher als Teil des Unternehmertums gesehen. Es gibt viele Beispiele erfolgreicher Unternehmer, die erst scheiterten, aber dann schnell eine zweite Chance bekamen. Risiko, allerdings auch Gläubigerschutz, werden dort anders gesehen. Letztendlich lässt sich schlecht abschätzen, was denn nun besser ist. Vielleicht sind deutsche Gründer und Investoren bedachter und vorsichtiger in ihrer Risikoabschätzung. Das mag zu weniger kapitalen Fehleinschätzungen führen – aber eben auch zu verpassten Chancen und Innovationen.

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